Experiment zum Anker-Effekt

Experiment zum Anker-Effekt

Heute möchte ich ein weiteres kleines Experiment vorstellen, das ich selbst mit einer kleinen Gruppe von 10 Personen im Jahr 2011 durchgeführt habe, um den Anker-Effekt (auch: Verankerungsheuristik) zu testen. Zur Überprüfung wurden zwei Hypothesen aufgestellt. Die erste Hypothese greift den Aspekt des unplausiblen Ankerwertes auf. Die zweite Hypothese postuliert eine Replikation des üblichen Anker-Effekts:

  1. Der Anker-Effekt tritt trotz des nicht sachlogischen Bezugs auf.
  2. Personen schätzen das Risiko eines Ereignisses höher ein, wenn sie zuvor einen hohen numerischen Anker erhalten. Bei niedrigem Anker wird das Risiko geringer eingeschätzt.

Durchführung des Experiments

Zur Durchführung des Experiments wurden zunächst zwei beliebige Texte im Internet recherchiert und aufbereitet. Konkret bedeutet dies, dass die beiden Texte aneinander angeglichen wurden (Textlänge, Anzahl Ankerwerte etc.), um die späteren Ergebnisse der Probanden wirklich vergleichen zu können und um etwaige andere Einflüsse zu mindern.

Die verwendeten Ankerwerte in diesem Experiment waren Prozentangaben zu Konsumausgaben der österreichischen Haushalte auf Lebensmittel sowie zu österreichischen Lebensmittelkosten im Vergleich zu Deutschland. Als niedriger Anker wurde ein Wert von 5 Prozent gewählt und für den hohen numerischen Anker wurde ein Wert von 70 Prozent bestimmt.

Texte zur Überprüfung des Anker-Effekts

Das Experiment wurde jeweils einzeln mit der entsprechenden Testperson durchgeführt. Nach einer kurzen Einführung in die Aufgabe, sollten die Testpersonen den ihnen per Zufallsverfahren zugewiesenen Text lesen. Daran anschließend wurde den Testpersonen folgende Einschätzungsfrage gestellt:

„Wie hoch schätzt du die Wahrscheinlichkeit eines Reaktorunfalls in Europa ein?“

Ergebnisse

Ergebnisse des Experiments zum Anker-Effekt

Ergebnisse des Experiments zum Anker-Effekt

Die Auswertung der Ergebnisse zeigt, dass die Testpersonen mit niedrigem Anker (Gruppe A) auch niedrigere Schätzungen abgaben, während die Testgruppe mit hohem Anker (Gruppe B) das Risiko eines Reaktorunfalls wesentlich höher einschätzte. Im Durchschnitt schätzte Gruppe A mit 12,6 Prozent das Risiko um etwa die Hälfte geringer ein als Gruppe B, welche das Risiko eines Reaktorunfalls in Europa im Schnitt auf 30,6 Prozent bezifferte.

Diskussion

Ausgehend von den Ergebnissen können die anfangs aufgestellten Thesen verifiziert werden. Trotz des nicht sachlogischen Bezugs des Textes zur Schätzfrage, scheint ein Anker-Effekt eingetreten zu sein. Das heißt, obwohl der Text nicht mit der darauffolgenden Schätzfrage in Bezug stand und die Ankerwerte relativ unplausibel für die Schätzfrage waren, orientierten sich die Testpersonen scheinbar an den ihnen zuvor präsentierten Werten. Hierdurch wird auch die zweite These bestätigt, wonach Personen das Risiko eines Ereignisses höher einschätzen, wenn sie zuvor einen hohen numerischen Anker erhalten. Bei niedrigem Anker wird das Risiko entsprechend geringer eingeschätzt.

Eine Erklärung für das Zustandekommen des Anker-Effektes könnte zum einen in der Unsicherheit der Personen bzgl. der Schätzfrage liegen und zum anderen in der Präsentation der Anker, die beide die gleiche Dimension wie das zu erwartete Schätzergebnis hatten (Prozentangabe). Aufgrund dessen können Anker ohne hohen kognitiven Aufwand verarbeitet werden und üben daher in der Regel eine starke Wirkung aus.

Natürlich muss dieses Ergebnis auch kritisch betrachtet werden, da es sich lediglich um eine kleine Stichprobe mit 10 Testpersonen handelte. Des Weiteren wurden die Anker in den beiden Texten zwar willkürlich, aber dennoch bewusst gewählt. Inwiefern der Effekt bei anderen Ankerwerten auftritt müsste bei weiteren Untersuchungen geprüft werden. Ebenso kann nicht eindeutig ausgeschlossen werden, dass die Anzahl der Anker in den Texten Einfluss auf die Testpersonen hatte, im Sinne von primen. Das einmalige Vorkommen eines Ankers im Text könnte sich unter Umständen anders auswirken, als das hier gewählte dreimalige Vorkommen. Weiterhin ist unklar inwiefern die Testpersonen durch den Text um die Ankerwerte beeinflusst wurden, das heißt inwiefern das Thema die Schätzung der Probanden ebenfalls beeinflusste. In diesem Zusammenhang muss die Frage betrachtet werden, wie sich der Ankereffekt verändert hätte, wenn die Texte einen inhaltlichen Bezug zur Schätzfrage gehabt hätten. Weiterhin kann nicht ausgeschlossen werden, dass die damalige Aktualität des Themas (bzgl. Reaktorunfall in Japan) die Schätzungen beeinflusst hat (s. hierzu auch Verfügbarkeitsheuristik). Durch das Testen weiterer Ankerhöhen bzw. sehr extremer Ankerwerte, könnten unterschiedliche Verlaufsformen der sogenannten Anker-Response-Funktion untersucht werden und möglicherweise auch die Grenzen des Anker-Effekts aufgezeigt werden. Um die unterschiedliche Wirkungsweise von Ankern in Abhängigkeit von ihrem inhaltlichen Bedeutungsgehalt nachvollziehen zu können, müsste die Wirkung weiterer Ankerbeispiele analysiert werden.

Vielleicht findet sich ja jemand, der konkret diese Fragestellungen einmal untersuchen möchte bzw. den Anker-Effekt mal im Web-Kontext – z. B. bei Ebay-Auktionen – überprüfen möchte? ;)

 

Quelle des Artikelbildes: renjith krishnan / FreeDigitalPhotos.net

2 Responses to Experiment zum Anker-Effekt

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